Das Gleichnis vom unerhoerten Paradoxon
Es war einmal eine fremde Welt mit Tieren und Pflanzen, aehnlich wie
bei uns. Die Menschen dieser Welt aber gingen mangels besseren Wissens
seit jeher davon aus, dass das Universum gleichmaeßig mit Luft erfuellt
sei. Und mit dieser Annahme gab es Jahrtausende auch ueberhaupt keine
Probleme. Nur ein unbequemer Denker hatte einmal keck gefragt, warum
die Voegel nicht zu den Sternen floegen, wenn das Weltall lufterfuellt
sei. Doch das wollte niemand hoeren!
Dann aber lernten die Menschen dieser Welt das Fliegen mit Flugzeugen,
und da fielen ihnen gleich zwei Phaenomene auf: Die Flugzeuge stiegen
mit zunehmender Hoehe immer schlechter, dafuer flogen sie dort oben
etwas schneller. Und das, obwohl doch die Luft gleichmaessig dicht im
Weltall verteilt sein sollte. Die Techniker und Ingenieure waren
ratlos, also nahm sich ein Physiker der Sache an.
Aber auch er fand zunaechst keine gute Erklaerung, und deshalb tat er,
was wohl alle Physiker dieses Universums in seiner Situation getan
haetten: Er versuchte einen rein mathematischen Ansatz! Der Physiker
stellte und formte dazu alle ihm einschlaegig erscheinenden Gleichungen
so lange um, bis er mathematisch zu den bereits vorliegenden
Messergebnissen aus der Praxis ‚durchkam’. Mit diesem Ansatz konnte er
die Steigleistungen der Flugzeuge auch ohne Versuche vorhersagen.
Ein schoener Erfolg! Noch schoener aber war, dass die neue Gleichung
eine Interpretation zuliess, die dem Physiker zeigte, warum das Steigen
der Flugzeuge mit der Hoehe immer schlechter wurde. Und er erklaerte
den Menschen einer fremden Welt:
‚Die Logik der Mathematik hat mir die Frage nach der nachlassenden
Steigleistung der Flugzeuge beantwortet. Zwar ist das ganze Universum,
so wie wir es seit langer Zeit annehmen, gleichmaessig mit Luft
erfuellt, aber fuer fliegende Objekte gilt eine Besonderheit. Man muss
diese Objekte im Flug vor einem Referenzraum betrachten. Dieser ergibt
sich aus der Umrissflaeche der Flugzeuge multipliziert mit
ihrer Flughoehe ueber Grund. Wendet man den so berechneten Referenzraum
auf fliegende Objekte wie Flugzeuge und Voegel an, so erkennt man, dass
ihre Fluegelflaeche mit der Flughoehe relativ schrumpft.
Die Fluegelflaeche ist aber entscheidend dafuer, ob und wie hoch
Flugzeuge steigen koennen. Nimmt sie mit der Hoehe relativ ab, ergibt
sich eine Dienstgipfelhoehe, die die Flugzeuge nicht uebertreffen
koennen. Zusaetzlich ergibt sich aus der mit der Hoehe ebenfalls
schrumpfenden Fluegelflaeche, dass die Flaechenbelastung der Flugzeuge
relativ zunimmt und die Oberflaeche der Flugzeuge, die einen
Reibungswiderstand erzeugt, abnimmt. Und unsere Erfahrungen zeigen,
dass Flugzeuge mit hoher Flaechenbelastung und geringem
Reibungswiderstand eine bessere Penetration der immer gleich dichten
Luft aufweisen. Das ist der Grund, warum unsere Flugzeuge in der Hoehe schneller als in
Bodennaehe fliegen koennen.
Und tatsaechlich war die Gleichung der
relativen Schrumpfung fuer fliegende Objekte mit der Hoehe mathematisch
in sich absolut stimmig und fehlerfrei. Sie sagte auch in allen
weiteren Versuchen die Steigleistung und die maximale Geschwindigkeit
aller Flugzeuge gut voraus. Die Theorie des Physikers hatte somit den Nachweis ihrer Richtigkeit
sowohl in einer schluessigen Mathematik als auch im Versuchsergebnis
der Praxis gefunden. Doch leider hatte diese Theorie fuer hochfliegende
Objekte fuer die noch hoeher fliegenden Plaene der Menschen auf der
fremden Welt auch eine Enttaeuschung im Gefolge:
Selbst wenn man die staerksten Antriebe vorsaehe, so wuerden die
Flugzeuge mit einer zunehmenden Entfernung zum Heimatplaneten relativ
zu dem mit dieser Flughoehe aufgespannten Referenzraum zu einem
superschweren Punkt schrumpfen. Das aber wuerden weder Flugzeug noch
Mensch ueberstehen. Weshalb eine Raumfahrt ein- fuer allemal
ausgeschlossen sei!
Soweit das Gleichnis, und wie alle Gleichnisse kennt auch dieses hier
eine bestimmte Moral, eine Einsicht, die es vermitteln will. Sie lautet:
Uebernimmt die Naturwissenschaft traditionelle, aber fehlerhafte
Annahmen zur Welt, dann fuehrt ein mathematischer Ansatz, der diesen
Fehler weiter transportiert, nicht notwendig zu Ergebnissen, die den
Fehler in der Annahme aufdecken. Es kann auch geschehen, dass sich eine
solche Fehlannahme durch Umformungen der Gleichungen relativiert, weil
unerkannt ein zulaessiger mathematischer Hilfsweg eroeffnet wird, der
zu verwertbar richtigen Ergebnissen fuehrt.
Mathematisch sind die Operationen dann korrekt, auch stimmen die
Ergebnisse mit Messungen aus der Praxis ueberein. Schwer faellt jedoch
die Interpretation des in der Mathematik gegangenen Weges zum Ergebnis,
weil ja nicht ohne weiteres erkennbar ist, dass es sich lediglich um
einen Hilfsweg zum richtigen Ergebnis handelt, der nicht die Realitaet
beschreibt.
Bertrand Russell, Mathematiker und Philosoph unserer Zeit, fasste die
Unmoeglichkeit, aus mathematischer Folgerichtigkeit auf die
physikalische Wahrheit der benutzten Voraussetzungen zu schliessen,
sinngemaess in folgender Warnung zusammen: ‚Die Mathematik handelt von
Dingen, von denen sie nicht weiss, was sie sind, und sie besteht aus
Saetzen, von denen man nicht weiss, ob sie wahr oder falsch sind.’ Und
das heisst fuer die Physik:
Ein funktionierender, weil verwertbar richtige Ergebnisse liefernder
mathematischer Ansatz darf nie zum Garanten dafuer gemacht werden, dass
die Interpretationen, die man der Mathematik noch zugesellt, eine
moegliche Realitaet beschreiben.
Im Gleichnis von der fremden Welt war es zum Beispiel so, dass der
Physiker den alten Glauben an eine konstante Luftdichte im Universum
nicht in Zweifel zog. Weshalb er die richtige Loesung seines Problems,
die relativ zur Flughoehe abnehmende Luftdichte, nicht erkannte. Dafuer
fand der Physiker mit seinem mathematischen Ansatz einen Hilfsweg, bei
dem die Fluegelflaeche fuer fliegende Objekte mit der Hoehe in dem Masse
bezogen auf einen Referenzraum abnahm, wie auch die aerodynamische
Wirkung der nachlassenden Luftdichte - von ihm unerkannt - abnahm.
So konnte der Physiker trotz des traditionellen Fehlers in seinen Annahmen verwertbar richtige Voraussagen erzielen.
Doch es gibt noch eine allgemeinere Lebenserfahrung, die wir aus dem
Gleichnis ableiten koennen. Sind naemlich die Interpretationen einer
erfolgreichen Mathematik erst einmal in den Stand einer ueberprueften
Realitaet erhoben worden und hat man sich an die neue Realitaet
gewoehnt, so folgt schnell ein Fehler dem anderen nach, ohne dass es
bemerkt wird:
In dem Gleichnis blieb zunaechst unerkannt, dass man in der Hoehe mit
duennerer Luft rechnen muss, stattdessen rechnete man mit ‚duenneren’
Flugzeugen. Das war logisch im Sinne des beschrittenen Hilfsweges und
korrekt in der mathematischen Operation, man erhielt auch die bereits
gemessene Geschwindigkeit der Flugzeuge. Gleichwohl waren die damit
verbundenen Schluesse zur Realitaet, zu schrumpfenden Flugzeugen,
falsch. Und sie blieben es fuer lange Zeit.
Anders waere es vielleicht gekommen, wenn die Menschen von der fremden
Welt mehr ueber Paradoxa, ueber offensichtlich widersinnige Ergebnisse
im Denken des Menschen, gewusst haetten, denn Paradoxien sind Menetekel
einer gequaelten Logik. Warnzeichen der Logik vor falschen Annahmen des
Menschen zur beobachteten oder gedachten Realitaet. Eine alte Weisheit bezeichnet Paradoxien daher auch als die
wertvollsten Geschenke der Logik an den Menschen. Zum einen, weil uns
diese Paradoxa auf Denkfehler in den Annahmen zur Welt aufmerksam
machen, die wir ansonsten glatt uebersaehen. Und zum anderen gaebe
jedes Paradoxon bei seiner Loesung auch Einsichten preis, die naeher an
die Wahrheit heranfuehrten, als es jede anders gewonnene Einsicht auch
nur koennte.
Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Paradoxa, die die spezielle
Relativitaet mit Einstein fuer unsere Welt als eine Folge von Bewegung
und deren Beobachtung in die Welt brachte, keimt ein Unbehagen auf. Es
aeussert sich in der Frage, welche Annahme zur Welt von und auch von
Einstein nie ernsthaft infrage gestellt, sondern von der Antike bis in
die modernen Naturwissenschaften hinein uebernommen wurde. Eine
Annahme, die sich erst dann als fehlerbehaftet erweist, wenn sie gravierende
Paradoxa produziert. Etwa das Paradoxon, dass schnelle Objekte aus der Sicht eines ruhenden
Beobachters mit der gezeigten Relativgeschwindigkeit schrumpfen, dass
ihnen die Zeit langsamer vergehen und dass ihre Masse zunehmen laesst.
Aus Sicht eines ruhenden Beobachters. Die Beschaffenheit der Welten,
Raeume und Zeiten, in denen Menschen beobachten, haengt mit Einstein
von den Beobachtern und von deren Bewegungszustand ab.
Wenn ihnen das merkwuerdig vorkommt und sie diese Raetsel geloest
wissen wollen, ohne mit Gleichungen konfrontiert zu werden, empfehle
ich Ihnen mein Buch „Wo bleibt die Zukunft?“. Es loest diese Raetsel
auf und beantwortet auch die Frage, ob wir tatsaechlich nie das Weltall
bereisen koennen. Oder ob das eben nur fuer den Fall gilt, dass wir
weiterhin versuchen, die Traegheit von Objekten, die sie gegenueber
einer Beschleunigung zeigen, dadurch zu kompensieren, dass wir eine
jeweils groessere Traegheit aufrufen, die wir mit dem gerichteten
Ausstoss von Masse aus Raketentriebwerken erzielen. - Anders gesagt:
Ist es sinnvoll, den Teufel mit Beelzebub zu bekaempfen? Vielleicht
machen uns die Paradoxa in Einsteins Gefolge ja nur auf uebersehene
Moeglichkeiten aufmerksam!
Wir sollten es herausfinden, bevor andere es herausgefunden haben!